La Traviata an der Berliner Staatsoper ist eine optische Enttäuschung

  Dienstag, 22 Dezember 2015 08:45
Alfredo und Violetta, Hauptfiguren von "La Traviata" Alfredo und Violetta, Hauptfiguren von "La Traviata" Foto © Bernd Uhlig

Während wir die Neuinszenierung von La Traviata musikalisch toll finden, setzt das Regieteam um Dieter Dorn diese Inszenierung in den Sand. 

Dieter Dorn, wir nennen ihn mal ehrfurchtsvoll Altmeister des deutschen Theaters, kehrt an eine seiner ersten Arbeitsstellen zurück! Unermüdlich wurde schon zu Beginn der Probenzeit betont, dass Dorn einst am Schillertheater als Jungspund seiner Theaterleidenschaft gefröhnt hat. Jetzt führt er just in diesem Theatergebäude, derzeitiges Quartier der Staatsoper unter den Linden, Regie. Anvertraut ist ihm eine der wichtigsten Opern überhaupt! La Traviata von Giuseppe Verdi ist in neuer Aufmachung eines Regieteams um Dieter Dorn zu bestaunen. Erfahrung hin, Reputation her, aber diese Inszenierung ist komplett in den Sand gesetzt!
Die Bühne (Joanna Piestrzynska) ist ein dunkler Guckkasten. Gelegentlich öffnen sich in der schwarzen Rundung einige Türen. Die gesamte Szene spielt sich auf einer großen, tablettartige schwarzen Scheibe ab. Ein schwarzes Gestell mit einem halbdurchlässigen Spiegel befindet sich in der Mitte. Ein Sack ist darauf abgelegt. Aus ihm rieselt die gesamte Oper über, ähnlich einer überdimensionalen Eieruhr, feiner Sand.

Die dunkle Bühne ist ein starkes Bild für Violettas Lebensende. Die Inszenierung zeigt die letzten Stunden ihres Lebens. Pariser Partys, Alfredos Küsse, das Landhaus, der Vater – die Handlung läuft in den Gedanken und der Fantasie der einstigen Lebedame ab. Schließlich naht der Tod und Violetta entschwindet durch eine Tür im halbdurchlässigen Spiegel, der an das schwarze Gestell montiert ist.

Die Kostüme (Moidele Bickel) des Chores sind farbenprächtig und abwechslungsreich. Heutzutage sind La-Traviata-Sängerinnen ja stets ausgesuchte Schönheiten, aber wieso muss Sonya Yoncheva fast durchgängig im „Kleidchen“, respektive „Negligé“ spielen? Alfredo kommt im schmucken Anzug daher, aber sein Vater trägt einen biederen Wollanzug der Marke Oberlehrer! Niemand würde so etwas tristes freiwillig anziehen – oder auch noch schön finden!

Bühne, Kostüme sowie die darauf ablaufende Regie wirken schließlich über die pausenlosen 140 Minuten tröge und schlicht. Es ist auch einfach etwas langweilig, über zwei Stunden in einen fast scharzen Kasten zu schauen. Zumal anzumerken ist, dass nicht ein einziger interessanter Lichteffekt in Erinnerung bleibt.

 

 

Sonya Yoncheva (Violetta Valéry); Foto © Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva (Violetta Valéry); Foto © Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva (Violetta Valéry); Foto © Bernd Uhlig
Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung) und Sonya Yoncheva (Violetta Valéry) sowie Mitglieder des Staatsopernchors; Foto © Bernd Uhlig
Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung) und Sonya Yoncheva (Violetta Valéry); Foto © Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva (Violetta Valéry); Foto © Bernd Uhlig
Cristina Damian (Flora Bervoix), Grigory Shkarupa (Marchese D'Obigny), Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung) und Sonya Yoncheva (Violetta Valéry) sowie Mitglieder des Staatsopernchors; Foto © Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva (Violetta Valéry) und Katharina Kammerloher (Annina); Foto © Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva (Violetta Valéry) und Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung); Foto © Bernd Uhlig
Simone Piazzola (Giorgio Germont), Sonya Yoncheva (Violetta Valéry) und Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung); Foto © Bernd Uhlig
Cristina Damian (Flora Bervoix) und Grigory Shkarupa (Marchese D'Obigny), Mitglieder des Staatsopernchors; Foto © Bernd Uhlig
Abdellah Lasri (er war als Alfredo Germont die Premierenbesetzung, ist aber nicht der Alfredo der im Text besprochenen Aufführung), Sonya Yoncheva (Violetta Valéry), Simone Piazzola (Giorgio Germont) und Dominic Barberi (Barone Douphol), Mitglieder des Staatsopernchors; Foto © Bernd Uhlig

Bildergalerie zu La Traviata in der Berliner Staatsoper unter den Linden (alle Fotos im Auftrag der Staatsoper, Fotograf: Bernd Uhlig)

 

Sonya Yoncheva hat einen kometenhaften Aufstieg hingelegt, seit dem sie als Einspringerin an der Metropolitan Opera New York von der New York Times gefeiert wurde. Da wir von opernfan.de nicht überall gleichzeitig sein können, hören wir die bulgarische Sopranistin zum ersten Mal - und wünschen uns gleich noch zahlreiche Aufführungen hinterher! Die anspruchsvolle Rolle der Violetta Valery bietet der Sängerin die Möglichkeit, alle Facetten ihrer Stimme zu zeigen. In der ersten Hälfte gelingen die Koloraturen geschmeidig, in der zweiten Hälfte nutzt sie jede Gelegenheit, große Gefühle und innere Verzweiflung musikalisch ansprechend zum Ausdruck zu bringen. Ein nettes Detail: Sonya Yoncheva färbt einige Vokale besonders dunkel, wodurch der gelegentlich rauhe Klang an Maria Callas erinnert. Ein schwieriges Detail: In der Höhe neigt die Sopranistin zu schrillen Tönen, die man in der Tontechnik übersteuert nennen würde. Das stört nur manchmal, ab und zu passt es sogar zum Ausdruck, aber viel schwieriger ist der Gedanke, dass die Bulgarin bei stärkerer Zunahme dieses unerwünschten, übersteuerten Effektes eher eine kurze Karriere haben könnte.

Nachdem Abdellah Lasri für seine Premierenleistung in der Presse eher gerügt wurde, fehlt er bei der zweiten Aufführung, auf die sich diese Besprechung bezieht (er ist allerdings auf allen hier gezeigten Fotos drauf). Saimir Pirgu, ein an der Staatsoper seit Jahren gern gesehener Alfredo, singt mit schönem Schmelz und unaufdringlichem Ausdruck. Ein Traumpaar der italienischen Oper findet an diesem Abend zusammen!

Simone Piazzola als Girogio Germont schont sich in der ersten Arie. Piazolla spielt behäbig, bekommt aber von der Regie wenig Gelegenheiten, etwas aufzutauen! So nutzt der italienische Bariton erst seine zweite Arie, um sich völlig zu entfalten. Seltsam, dass die Maskenbildner nicht mal versuchen, an ihm äußerlich eine Altersanpassung vorzunehmen. So wirken bei allem Verständnis für unharmonische Äußerlichkeiten in Opernaufführungen der dreißigjährige „Vater“ und sein vierunddreißigjähriger „Sohn“ befremdlich.
Schließlich spielt die Berliner Staatskapelle unter Maestro Daniel Barenboim mit dem gewohnt warmen Klang. Alle Intstrumentensoli gebührt besondere Anerkennung, es stimmt einfach alles. Die in anderen Besprechungen geäußerte Kritik an durchgängigem Forte und zu viel Mezzoforte lässt sich bei Besuch der zweiten Aufführung nicht nachvollziehen.

Musikalisch also eine ansprechende, sehr empfehlenswerte Aufführung. Optisch ist diese La Traviata allerdings eine sehr sehr große Enttäuschung.

La Traviata

  • Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
  • Inszenierung: Dieter Dorn
  • Regiemitarbeit: Christiane Zaunmair
  • Bühnenbild: Joanna Piestrzynska
  • Kostüme: Moidele Bickel
  • Mitarbeit Kostüm: Dorothée Uhrmacher
  • Choreographie: Martin Gruber
  • Licht: Tobias Löffler
  • Dramaturgie: Hans-Joachim Ruckhäberle, Katharina Winkler

Die Sängerinnen und Sänger des Premierenabends

  • Violetta Valéry: Sonya Yoncheva
  • Flora Bervoix: Cristina Damian
  • Annina: Katharina Kammerloher
  • Alfredo Germont: Saimir Pirgu
  • Giorgio Germont: Simone Piazzola
  • Gastone: Florian Hoffmann
  • Barone Douphol: Dominic Barberi
  • Marchese D' Obigny: Grigory Shkarupa
  • Dottor Grenvil: Jan Martinik


Orchester: Staatskapelle Berlin; Staatsopernchor
Von opernfan.de besuchte zweite Vorstellung am 22. Dezember 2015, 18 Uhr

Die verbleibenden Vorstellungen in dieser Spielzeit sind fast ausverkauft. Bitte beachten Sie in den nächsten Spielzeiten die frühzeitigen Ankündigungen dieser Inszenierung. 

Link zur Website der Staatsoper unter den Linden

Bitte beachten Sie in den nächsten Spielzeiten die frühzeitigen Ankündigungen dieser Inszenierung. 

Die Theaterkasse der Staatsoper hat die Berliner Telefonnummer (030) - 20 34 45 55. 

Wenn Sie diese Website auf einem Mobiltelefon lesen, können Sie einfach hier klicken, um anzurufen: +493020354555 

Die Staatsoper unter den Linden spielt derzeit im Schillertheater in der Bismarckstraße. Die Haltestelle für die Anfahrt mit der U-Bahn heißt Ernst-Reuter-Platz. 

Gelesen 6850 mal Letzte Änderung am Samstag, 28 Mai 2016 16:15

Opern für Opernfans

Don Giovanni von Mozart: Die Handlung

La Traviata von Verdi: Die Handlung

Slider

Oper in Berlin

Salome von Strauss an der Deutschen Oper

Sensationelle Norma mit Edita Gruberova

Slider

-Anzeige3-

Stars der Opernwelt

VIDEO-Fundstück: Ein genialer, musikalischer Einheitsbrei

Tanja Ariane Baumgartner: Oper singen, wie eine Geigerin spielt

Slider

Neu veröffentlicht

DVD/Blu-Ray: Webers Freischütz aus Dresden

Ausdrucksstarke La Straniera mit Edita Gruberova

Slider

Kurze Inhalte

Die Zauberflöte in 60 Sekunden

Der Barbier in 60 Sekunden

Slider

| Opernfotos von Alexander Hildebrand für © opernfan.de |

Bild ist nicht verfügbar

"Semele" von Händel in der Komischen Oper Berlin

Bild ist nicht verfügbar

Rossini-Sensation: "Il Viaggio a Reims" in der Deutschen Oper Berlin

Bild ist nicht verfügbar

"Hoffmanns Erzählungen" mit der "Passagio Oper" Berlin

Bild ist nicht verfügbar

"Die Fledermaus" in der Deutschen Oper Berlin

Bild ist nicht verfügbar

"Pelléas et Mélisande" in der Komischen Oper Berlin...

Bild ist nicht verfügbar

Das ist Rosina aus "Il barbiere di Siviglia" in der Komischen Oper Berlin... Hier sind alle Fotos zum Stück!

Bild ist nicht verfügbar

Mozarts "Don Giovanni" von The Berlin Opera Group...

Bild ist nicht verfügbar

"Der Fliegende Holländer" in der Deutschen Oper Berlin

previous arrow
next arrow
Full screenExit full screen
Slider

Opernfans folgen bitte opernfan.de!

Close

Wir sind in den sozialen Medien aktiv!