Kindsmörderin und Ekelpaket als Flüchtlingspaar in zeitgenössischer Oper "Medea"

  Sonntag, 21 Mai 2017 16:41

Aribert Reimanns 2010 mit überwältigendem Erfolg uraufgeführte Oper ist erstmals in Berlin zu erleben. Opernfan.de war dabei! 

„Medea“ kennt man als antike Mythenfigur, die ihre Kinder tötet. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Titelfigur von Aribert Reimanns Oper eine Migrantin ist, die in ihrem eigenen Land nicht mehr leben kann und in der neuen Heimat fremd bleibt, ausgeschlossen ist. Zum Glück distanziert sich Reimann von der Idee, ausschließlich einen Bezug zur heutigen Flüchtlingskrise herzustellen. Er weist vielmehr darauf hin, dass es Geflüchtete schon immer gegeben hat und er sowieso „keinen Stoff vertonen könne, der überhaupt nichts mit uns zu tun hat“. So spielen Komponist und schließlich auch auf sehr intelligente Weise die Inszenierung mit vielen anderen, großen Themen: Eheliche Zerwürfnisse, Misstrauen, Missgunst, Neid und Eifersucht. 

Klick auf's Bild führt zur Bildergalerie der Inszenierung. 

Die Bühnenarbeiter der Komischen Oper Berlin, an der die 2010 als Auftragskomposition für Wien geschriebene jetzt ihre Berliner Erstaufführung feierte, haben an diesem Abend fast alle frei. Es gibt keine Umbauten. Der Bühnenraum ist voll ausgenutzt, es gibt keine Prospekte, der Blick ist frei auf die Bühnenseiten und die gemauerte Rückwand des Opernhauses. Das Licht ist durchweg gleißend hell und kontrastreich. Der Bühnenboden ist mit einer Art Rindenmulch gefüllt und die Bereitschaft der Sänger, den ganzen Abend über in diesem scheinbar staubigen Naturmaterial zu stehen, ist schon eine große Anerkennung wert. Ein bisschen Mühe erfordert es schon, das Bühnenbild interessant zu finden, aber schließlich erfüllt es viele dramatische Funktionen. Es betont das Unheimliche, das Triste der ganzen Geschichte und am Ende ist es auch das Material, mit dem das Begräbnis der Toten Kinder angedeutet wird.

Aribert Reimanns Musik geht unter die Haut. Das Orchester der Komischen Oper Berlin bewältigt die schwierige Partitur der 2010 als „Neukomposition des Jahres“ ausgezeichnete Oper spielerisch und engagiert. Auf den meisten Instrumentengruppen sind solistische Passagen zu hören, die allesamt präzise daher kommen. Weil der Wiener Orchestergraben größer ist als der Berliner, passen nicht alle vorgesehenen Instrumente hinein. Gerade das zahlreiche Stimmungen und Akzente erzeugende Schlagwerk ist an den Seiten neben den ersten Reihen des Publikums platziert und dadurch besonders gut hörbar.

Die Sänger des Abends stehen mit ihrer intensiven Darstellung und dem anspruchsvollen, melodielosen Gesang in Reimanns Oper im Vordergrund. Anna Bernacka ist eine im Klang warmherzige Kreusa, in ihrer Funktion als Gegenspielerin von Medea aber richtig heimtückisch und hinterlistig. Nadine Weissmann füllt die Rolle der lieblichen Dienerin Gora musikalisch und darstellerisch aus. Ivan Tursic, ein zuverlässiger Tenorbuffo mit schönem dramatischem Einschlag, gestaltet die Rolle des Kreon ausdrucksstark und recht unheimlich. Countertenor Eric Jurenas als Herold im etwas zu viel gesehenen Transvestiten-Look verkündet das Urteil über Jason und Medea mit dichtem Spiel und souveränem Klang.

Aribert Reimanns Sinn für Ensemblekompositionen wird an sehr vielen Stellen der Oper deutlich. Die klassischen Formen aus Arien und Ensembles ist zwar aufgehoben, aber Duette der Protagonisten oder gar eine Art Quartett von Medea, Kreusa, Kreon und Jasons sind klangliche Meisterwerke und schlichtweg hochinteressante Hörerlebnisse.

Sängerisch und darstellerisch auf wie immer sehr hohem Niveau ist Ensemblemitglied Günter Papendell. Der kernige Klang seiner größer werdenden Baritonstimme kommt bei dieser modernen Musik besonders gut zum Tragen. Er hat die Möglichkeiten, die Drohungen von Jason gespenstisch echt wirken zu lassen. Und schließlich ist Papendell so in seine Rolle versunken, dass man ihm den Bösewicht bei jeder Geste und jedem Ton glaubt. Unterdessen entpuppt er sich ja auch gegenüber der Mutter seiner Kinder als echtes Ekelpaket.

Nicole Chevalier setzt mit der Interpretation der Titelrolle einen weiteren großen Akzent ihrer herausragenden Karriere. Wir schrieben einst schon, dass die kluge Künstlerin jede Chance zu großen Leistungen ergreifen würde. Mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten könnte Chevalier an jedes beliebige Theater Deutschlands wechseln, aber schließlich kann sie nicht nur als Darstellerin überzeugen, sondern sie singt auch noch durchweg virtuos. Ihre dramatischen Ausdrücke wechseln rasch mit kurzen lyrischen Passagen. Und dieser Ritt in die Hölle ist auch ein wahrer Höllenritt! Komponist Aribert Reimann schreibt im lesenswerten Programmheft, dass sich die Koloraturen der Medea im Ablauf verlängern und mehr in verschiedene Lagen greifen. Mit Worten lässt sich dieses zweistündige Auf und Ab nun gar nicht mehr beschreiben, aber für Opernfans sei gesagt, dass Nicole Chevalier hier das Schwierigste vom Schwierigen zu singen hat. So eine Art „Hoffmanns Olympia hoch zehn!“.

Der ganze Abend ist vom Regieteam um Benedict Andrews durchdacht gestaltet, wobei das Thema der Oper und die beiden Kindstötungen auch einige verstörende Momente erzeugen. Der gute Applaus des Premierenpublikums galt am Ende dem Regieteam, aber vor allem auch dem herausragenden Orchester sowie den großartigen Solisten. Wenn Opernkomponisten anwesend sind, ist es immer etwas Besonderes. So rundete der glücklich wirkende Aribert Reimann mit großherzigen Umarmungen für seine Künstler den Abend auf eine freundliche Art  ab.

Aribert Reimann: "Medea"

Oper in zwei Teilen
Textfassung vom Komponisten nach dem gleichnamigen Drama von Franz Grillparzer 
Dauer ca 2,5 Stunden mit einer Pause. 

  • Musikalische Leitung: Steven Sloane
  • Inszenierung: Benedict Andrews
  • Bühnenbild: Johannes Schütz
  • Kostüme: Victoria Behr
  • Coaching Puppenspiel: Suse Wächter
  • Puppenbau: Simon Buchegger
  • Dramaturgie: Simon Berger
  • Licht: Diego Leetz

 

 

Letzte Änderung am Sonntag, 08 Oktober 2017 22:40

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