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Hokus, Pokus, Holderbusch! – Laurent Pelly verzaubert mit „Hänsel und Gretel“ in Glyndebourne

geschrieben von  Montag, 03 Oktober 2016 14:24

Die Oper ist alljährlich ein Bestseller zur Weihnachtszeit: Moritz Kühn hat sich für Opernfan.de die DVD des Humperdinck-Klassikers Hänsel und Gretel angesehen! 

„Wagner für Kinder!“ – so oder so ähnlich versuchen sich viele, Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel zu beschreiben. Spätestens die Inszenierung von Larauent Pelly beim Glyndebourne Festival kann ein für alle Mal die Frage beantworten, ob man mit dieser Beschreibung ins Schwarze trifft. 

Hänsel und Gretel ist bezüglich der Handlung eine minimale Variation des  Märchens der Gebrüder Grimm. Laurent Pelly nutzt die gegensätzlichen Grundpfeiler des Märchens – Armut und Essen – und Inszeniert ein wahres Manifest der Konsumkritik: Zusammen mit Barbara de Limburg-Stirum (Bühne) lässt Pelly die ärmliche Familie in einem überdimensionalen Pappkarton leben. Die Wände knicken ein, es gibt keine Farbe, keine Abwechslung, nur ein unscheinbarer, kleiner, leerer Kühlschrank unterbricht das Erscheinungsbild. Wohnlichkeit geht anders, und so müssen sich Hänsel und Gretel mit ihrer lebhaften Phantasie begnügen. Für das zweite Bild wurde ein toter, fast schon lebensfeindlicher, mit Plastikmüll übersäter Wald aufgestellt. Die giftigen Dämpfe am Horizont lassen den Zuschauer endgültig wissen: Dieser Zustand ist durch den Konsum des Menschen verschuldet. Das Highlight der Inszenierung stellt das Hexenhaus dar: Ein bunter Tempel des Überflusses erwartet uns mit Süßigkeiten an jeder nur erdenklichen Stelle der Fassade. Die böse Knusperhexe ist Verkäuferin und Inhaberin zugleich. Sie verkauft sich und ihre Süßigkeiten zuerst im zuckersüßen, rosaroten Kostüm. Nachdem die Fassade der Freundlichkeit abgelegt und die Kinder geknechtet wurden, erscheint uns die wahre Hexe: Eine alte, abgehalfterte, dicke Frau, die nur mit BH und rosa Röckchen bekleidet ist, der nur schwer vom ausufernden Haarausfall ablenken kann – wahrhaft der gruseligste Anblick des Opernabends. Nach ihrem Sturz in den Ofen und der Befreiung der kugelrund gemästeten „Lebkuchenkinder“, wird die Anstalt des Konsumterrors von Hänsel, Gretel, ihren Eltern und den Kindern mit ausufernder Freude „für immer geschlossen.“ Wer nun befürchtet, dass vor lauter Gesellschaftskritik die komische Facette der Oper zu kurz kommt, darf beruhigt aufatmen: Pelly räumt genügend Platz humorvolle Momente ein und sorgt vor allem durch seine Regie-Einfälle bzgl. der Knusperhexe für den „Spaß am Bösen“.

Musikalischer Leiter dieser Aufführung, Kazushi Ono, entlockt dem London Philharmonic Orchestra wunderbar spätromantische Klänge. Völlig unberechenbar winden sich die Melodien von jetzt auf gleich in andere Richtungen und bescheren somit den Zuhörern zahlreiche Gänsehaut-Momente. Mit höchster Präzision und Kontrolle über die gewaltige Musik meistert Kazushi Oni die schwere Aufgabe, den Sängern ein Fundament zu bieten, ohne sie zu übertönen. Die Hauptfiguren, Hänsel und Gretel, werden wunderbar jugendlich und dynamisch von Jennifer Holloway (Mezzosopran) und Adriana Kucerova (Sopran) gesungen. Auch ihr Spiel ist überzeugend und ergreifend. Die Sopranistin Irmgard Vilsmaier übernimmt die Rolle der Mutter, welcher sie gesangliche und charakterliche Tiefe verleihen kann. Klaus Kuttier (Bass) singt den Vater sehr facettenreich und präzise. Die Nebenfiguren Sandmann und Taufee werden von den Sopranistinenn Amy Freston und Malin Christensson sehr ausdifferenziert und mit großer Hingabe gesungen. Höhepunkt der Besetzung ist jedoch Wolfgang Albinger-Sperrhacke, der mit größter Spielfreude eine beispielhaft arglistige Hexe ins Leben ruft. Von Humperdinck ist bekannt, dass er um jeden Preis keinen Tenor als Hexe haben wollte. Hätte er jedoch die Gelegenheit gehabt, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in dieser Rolle zu hören, wären alle Bedenken unverzüglich gewichen. Auch der verhältnismäßig anspruchsvolle Kinderchor, bestehend aus Mitgliedern zweier englischer Schulchöre, singt sehr sicher und abwechslungsreich.

Aber nun alles auf Anfang: „Wagner für Kinder“? – Nein. Wer Humperdincks spätromantisches Werk auf eine „wagnerianische Lightversion“ reduziert oder aus Hänsel und Gretel eine reine Kinderoper machen möchte, wird dem Komponisten nicht gerecht. Laurent Pelly inszeniert Hänsel und Gretel als eigenständiges und ausgereiftes Stück mit einer politischen Botschaft, die Jung und Alt betrifft. 

Engelbert Humperdinck

Hänsel und Gretel 

Musikalischer Leiter: Kazushi Ono, mit: Irmgard Vilsmaier, Amy Freston, Malin Christensson, Klaus Kuttier, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Jennifer Holloway, Adriana Kucerova
Orchester: London Philharmonic Orchestra
Regie: Laurent Pelly
Dauer: 108 Minuten (42 Min Bonusteil)
Erschienen: 14. Juli 2009
SUB: E, FR, ESP, DE, CH
© DECCA Music Group

Hier können Sie die besprochene DVD auf Amazon.de bestellen.

Humperdinck: Hänsel und Gretel DVD aus Glyndebourne 2009

Gelesen 2268 mal Letzte Änderung am Samstag, 08 Oktober 2016 12:49

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